weibliche urkraft in der wüste
In der marokkanischen Sahara: Bei einem gesellschaftlichen Anlass werde ich als Frau nur wenig mit Männern interagieren, da diese ihren eigenen Bereich haben. Als Frau gilt für mich: Ich bin vorwiegend mit den anderen Frauen. In einem kleinen familiären Setting und alltäglichem Frühstück, Mittagessen und Abendessen gibt es normalerweise keine Trennung der Geschlechter. Doch bei größeren Zusammenkünften und Essen im Kreise der Großfamilie fügt es sich so, dass Männer und Frauen getrennt voneinander essen und mehr Zeit mit dem gleichen Geschlecht verbringen.
In all den Jahren in denen ich hier schon leben durfte, bin ich einer Vielzahl an europäischen Frauen begegnet, die durch eine Partnerschaft mit einem Berber-Mann mit diesem Ort und dieser Kultur in Verbindung gekommen sind. Auch ich habe dieses „Experiment“ (Partnerschaft mit einem Berber-Mann) vor vielen Jahren selbst eine Zeit lang gewagt. Und der einhellige Tenor den ich wahrgenommen und auch selbst erlebt habe: Frau bekommt hier tendenziell weniger Aufmerksamkeit von ihrem Partner als wir es im Westen gewohnt sind. Und da prallen tatsächlich Welten aufeinander. Schon, wenn ich beobachte wie hier Kinder aufwachsen, so sehe ich: diese Kinder werden geliebt und eine Vielzahl an Menschen kümmert sich um sie, aber insgesamt erhalten sie weniger Aufmerksamkeit von den Erwachsenen. Und die Kinder fordern sie auch bei weitem nicht so ein wie bei uns im Westen. Es ist hier weniger üblich einem Individuum viel Aufmerksamkeit zu schenken, genauso wie Gemeinschaftssinn hier weit über Individualität steht. Das ist nur einer von vielen gesellschaftlichen Unterschieden, doch letztlich ist einer der größten Kontraste zu unserem westlichen Leben: Frauen und Männer leben weitestgehend getrennte Leben voneinander. Zu den Mahlzeiten kommt die Familie zusammen, doch im Alltag haben Männer und Frauen getrennte Leben. Die Frauen sind größtenteils zuhause, die Männer sind außerhalb unterwegs und verdienen den Lebensunterhalt. Frauen sind unter Frauen, Männer sind unter Männern. Und eines ist mir hier deutlicher geworden als je zuvor; das ist per se nichts Schlechtes. Denn wenn wir ehrlich sind und genau hinsehen; Frauen können andere Dinge besser als Männer und umgekehrt. Im Westen haben viele Frauen die Erwartung an ihren Partner, dass er emotional dieselben Fähigkeiten hat wie sie, dass er empathisch und einfühlsam ist. Und ich möchte das keinem Mann absprechen; Empathie ist auch für Männer eine sehr wertvolle Fähigkeit. Und dennoch wurden wir so geschaffen, dass wir uns ergänzen und nicht auf die Art, dass alle alles können (müssen). Doch so sieht es mittlerweile oft aus im Westen... Ein Mann der vollen Zugang zu seinen urmännlichen Eigenschaften hat, kann einer Frau wunderbar den Raum halten, führen ohne zu unterdrücken und Sicherheit und Stabilität vermitteln. Das ist vielen nicht bewusst oder es ist zum Teil sogar negativ behaftet. Denn schnell wird an die Ausprägung toxischer Männlichkeit gedacht; an Unterdrückung, Machtausübung, mangelnde Gleichberechtigung. Doch es gibt einen klaren Unterschied zwischen bewusster und kraftvoller Männlichkeit und toxisch-manipulativer Männlichkeit.
Beziehungen im ländlichen Marokko werden anders geführt, da sie einen ganz anderen Zweck erfüllen. Das Leben alleine ist kaum möglich, da das Leben sehr hart und entbehrlich ist. Zusammen Wirken und Leben ist hier unumgänglich. Das bezieht sich auf Gemeinschaften, Clans und Großfamilien und in der kleinsten Einheit auf eine Beziehung / Ehe. Und umso ursprünglicher das Leben, umso klarer ist fühlbar, wie passend und ergänzend es ist, wenn Männer und Frauen ihre eigenen Lebensbereiche haben. Und als Frau die aus dem Westen kommt, kann ich als persönliche Erfahrung noch hinzufügen: es ist eine große Entspannung und nimmt viel Druck von mir als Frau. Denn ich bin nicht mehr alleine verantwortlich für ein ungeheuer großes Aufgabengebiet; die Gemeinschaft trägt mich und ich bin Teil der Gemeinschaft. Ich kann einen Teil der Kontrolle, Planung und Leistung aufgeben und mich ganz und gar in das Gefühl versorgt zu sein hineinbegeben. Ich kann mich in mein zyklisches Wesen hinein entspannen, denn ich muss nicht mehr ständig gleichermaßen funktionieren. Linearität und die Erwartung jeden Tag gleich leistungsstark zu sein entspricht dem männlichen Prinzip. Eine Überbetonung der männlichen Energie wurde leider zum alltäglichen Maßstab in unserer westlichen Welt, welche Leistungsdruck und Konkurrenz stark fördert. Dadurch herrscht ein kollektives Ungleichgewicht, welches Frauen stärker als Männer beeinflusst, da wir Frauen naturgemäß und im Durchschnitt weniger männliche Energie in uns tragen. Ein zu viel von (kollektiver) männlicher Energie lässt uns Frauen im Normalfall stärker aus dem Gleichgewicht geraten als Männer. Ausnahmen gibt es selbstverständlich, da es auch Frauen gibt, die natürlicher Weise eine starke Ausprägung männlicher Energien in sich tragen und gut halten können.
In der Wüste erhalte ich als Frau Empathie und weibliche Fürsorge von anderen Frauen, von Männern erhalte ich Stabilität, Versorgung mit materiellen Ressourcen und die Erledigung aller Dinge die im Außen anfallen. Leistungsdruck, „sich durch kämpfen“ und die Erwartung täglich „zu funktionieren“ sind hier kaum Thema. Das alles gibt mir die Möglichkeit, meiner weiblichen Energie mehr Raum zu geben, was mein natürliches inneres Gleichgewicht stärkt. Da ich lange Zeit mit einem inneren Übermaß an männlicher Energie und dessen verschiedensten Auswirkungen zu tun hatte, weiß ich das nun umso mehr zu schätzen.
Natürlich gibt es in der Wüste auch Schattenseiten im Leben der Frauen. Es ist wunderschön, dass Frauen hier noch viel mehr im Verbund mit anderen Frauen leben, doch eine große Fehlstellung durch das Patriarchat gibt es hierbei: die Frauen müssen ihre Familien verlassen und werden der Familie des Mannes angegliedert. Ursprüngliche Matriarchate begründen ihre familiären Strukturen allerdings immer nach der Linie der Frau. Im Falle einer Partnerschaft schließt sich der Mann der Familie seiner Frau an und geht im Falle der Trennung zu seiner Mutter und seinen Schwestern zurück. Auch heute gibt es noch einige letzte Matriarchate auf der Welt und erstaunlicherweise sind unter diesen die Tuareg, eines der letzten der nomadisch lebenden Wüstenvölker. Bei ihnen blieb trotz der Islamisierung die zutiefst matriarchal begründete Lebensweise erhalten. In der marokkanischen Sahara hat die Islamisierung stärker um sich gegriffen, doch die ursprüngliche Berberkultur, welche ebenfalls matriarchale Strukturen aufwies, ist in manchen Aspekten erhalten geblieben. Um es zusammenzufassen; Schattenseiten die das Patriarchat mit sich gebracht hat sind hier (wie auch weltweit) nicht zu verleugnen. Und dennoch empfinde ich das Leben als Frau in der Wüste natürlicher als im Westen. Natürlich habe ich den großen Luxus zwei Leben zu leben und jederzeit die Wahl wo ich meine Zeit verbringe. Das ist mir bewusst und ich möchte keines meiner beiden Leben missen. Doch genau dieses Leben zwischen zwei Welten hat mir auch die Möglichkeit gegeben beide Leben in ihrer Tiefe zu erfahren. Und die Welt der Berberfrauen darf ich nun ein wenig an die Frauen des Westens herantragen. Denn darin sehe ich das große Potenzial; wenn beide Leben sich erkennen und sehen was in ihrer eigenen Welt verloren gegangen ist. Und darin liegt eine großartige Möglichkeit der Bereicherung, wenn wir das „andere“ Lebens bewusst wahrnehmen und gewisse Aspekte vielleicht sogar ins eigene Leben integrieren.
Nomadenfrau beim Brotbacken