Ermächtigung im mondschein

Es ist eine der wunderschönen absolut spektakulären Vollmondnächte in der Wüste. Falls du es  noch nicht selbst erlebt hast, den Aufgang der Mondin in der Wüste zu sehen und zu fühlen, so kann ich es dir nur ans Herz legen. Wie ein oranger Feuerball erhebt sich die Mondin an diesen Nächten über den Ausläufern des Atlas-Gebirges; ein Anblick, ein Erlebnis, das tief berührt und sich nachhaltig einprägt.

In einer dieser Nächte wandere ich spätabends durch die Wüste; die „Steinwüste“ um genau zu sein. Wenn wir an die Sahara denken, haben wir sofort ein Bild von endlosen Sanddünen im Kopf, dabei bestehen ca. 70 % ihrer Fläche nicht aus Sand sondern aus Fels und Stein. Für mich war dies schon immer der Teil der Wüste der mich aus unerfindlichen Gründen stärker angezogen hat. Die Gebiete die von Sand bedeckt sind, haben eine leichtere und sanftere Energie. Die auch als Hamada bezeichnete Steinwüste hingegen, ist spürbar rauer und von archaischer Urkraft durchzogen.

So wandele ich durch die Weite der Wüste; unendliches Nichts um mich herum. Die Mondin leuchtet in einer Intensität, welche diese wunderschöne Mischung aus Sanftheit und archaischer ungezügelter Kraft, in sich trägt. Die Landschaft ist in ein silbrig helles Leuchten getaucht. Für dieses Licht fällt mir nur ein Wort ein, das in meinen Augen passend genug ist: Magie. In diesen Momenten verschwindet die Welt um mich herum, nichts hat mehr Bedeutung und zugleich hat alles Bedeutung. Ein Sandkorn ist nicht unwichtiger als ein Mensch, die Sterne erstrecken sich am unendlichen Firmament und nie wird mir deutlicher als hier in diesem Augenblick: Alles ist Verbunden. Alles ist Energie. Alles was ich bin und was mich umgibt ist reines Leben, selbst der felsige, karge Stein unter mir.

Mir geht eine Konversation mit einem meiner besten Freunde durch den Kopf; wir hatten miteinander geschrieben und er hatte am Rande erwähnt, dass ich mich freuen sollte in der Wüste zu sein - so fern von der „normalen“ Welt. Denn gewisse gesellschaftliche Situationen und die Politik der Welt lassen einen manchmal verzweifeln und den Glauben in die Menschheit verlieren. Und ja ohne Zweifel sehe ich die Vielzahl an prekären Situationen weltweit. Vieles von dem was Menschen tagtäglich tun ist mir absolut unverständlich und könnte auch in mir Wut oder sogar Trauer hervorrufen. Das tut es aber nicht. Nicht weil ich die Dinge ausblende und ignoriere, nach dem Motto: Mir geht’s noch gut, solange mich das alles nicht betrifft schaue ich einfach nicht hin…

Nein, das ist es nicht. Im Gegenteil, so sehr wie ich mich mit allem Leben um mich herum verbunden fühle, kann und will ich nichts ausblenden.

Der Unterschied ist: Ich treffe Tag für Tag meine Wahl. Ich entscheide jeden Tag bewusst auf was ich mich ausrichten möchte. Damit meine ich nicht, dass ich nur die positiven Dinge im Leben sehe, auch das oftmals ein hilfreicher Ansatz sein kann und das Leben leichter werden lässt.

Was für mich wichtiger ist: Tag für Tag richte ich mich auf meine ureigenste innere Kraft aus. Ich sehe das was an Wundern, Magie, Liebe und entfesselter Urkraft hier auf Mutter Erde möglich und präsent ist. All das trage ich in mir. Und in diesem Bewusstsein gehe ich durchs Leben. Ich habe die Wahl: Stecke ich den Kopf in den Sand angesichts der aktuellen Weltlage? Begebe ich mich in die Wut? Wut, die sich entweder innerlich gegen mich selbst richtet oder trage ich sie ins Außen und vergrößere das Feuer, den Kampf und den Hass, der im aktuellen Weltgeschehen sichtbar ist? Leide und trauere ich mit, mit all den Menschen, Tieren und der Natur, die Tag für Tag Opfer von unbewusstem menschlichen Handeln werden? Ignoriere ich alles und versuche das Beste aus meinem Leben zu machen, es zu genießen und zu hoffen, dass es so lange ich lebe noch irgendwie gut für mich und die Erde läuft?

All das sind Möglichkeiten. Doch wichtiger ist wahrzunehmen; dies ist der Punkt, der uns von der gefühlten Ohnmacht in die Macht zurückbringt: Ich habe die Freiheit zu entscheiden wie ich in mir bin und wie ich gegebenenfalls handele. Was mache ich mit alldem was in der Welt vor sich geht? Liebe ich das Leben und diese Welt dennoch mit all ihrem Sein in vollster Intensität, tue ich was in meiner Macht liegt und bleibe still – ein ruhender Buddha - wenn Handeln nicht möglich ist? Es liegt zu einhundert Prozent in meiner Hand, wie ich das Leben wahrnehme und wie ich es lebe. Ja, ich kann nicht alles im Außen beeinflussen. Auch hier in meiner geliebten Wüste, die so fern von allem ist, werde ich hin und wieder mit Situationen konfrontiert, bei denen mir Steine in den Weg gelegt werden oder die Hände gebunden sind. Situationen in denen ich gerne anders handeln würde in meinem Umfeld. Das ändert allerdings nichts daran, dass, wie ich das Leben wahrnehme eine Entscheidung ist, die vollkommen bei mir liegt. Unabhängig davon, was im Außen gerade ist und was vielleicht noch kommen mag.  Dies ist unantastbar und meine Wahl – und darin liegt Ermächtigung.

Ermächtigung ist ein Wort das ich liebe, denn es drückt so viel aus. Von der gefühlten Hilflosigkeit in die eigene Macht zurück, ein Prozess der Wandlung,… Ermächtigung kann uns in so vielen Aspekten begegnen und unterschiedlichste Formen annehmen. Doch hier in dieser Nacht, im sanften Leuchten der Mondin, spüre ich die Bedeutung von Ermächtigung stärker als je zuvor. Manchmal mag unser Licht fast verschwindend gering sein, wir können nicht anders als uns zurückzuziehen. Und manchmal leuchtet unser Licht hell und kraftvoll. Doch egal an welchem Punkt wir gerade sind; mag unser Licht gerade im Rückzug sein. Oder trauen wir uns noch nicht unsere vollste Kraft und unser höchstes Potenzial zu leben; in jedem Moment sind wir ermächtigte Wesen. Denn zu jeder Zeit trennt uns nur eine bewusste Entscheidung davon unsere Wahl zu treffen. Und wir müssen diese Wahl nicht einmalig für den Rest unseres Lebens treffen. Denn vielleicht ist morgen ein Tag an dem du eher deine Kraft sammeln möchtest. Vielleicht bist du morgen zu sehr abgelenkt von deinen alltäglichen Belangen des Lebens. Dann triffst du übermorgen oder den Tag danach erneut deine Wahl.

Das alles sind keine Hindernisse, dass du dich zu jeder Zeit an deine grenzenlose innerste Kraft – deine Urkraft – erinnern darfst. Du bist niemals den Umständen ausgeliefert. Deswegen von jedem Tag aufs Neue: Erinnere dich. Dein wahres Sein ist nicht klein oder hilflos, sondern pure Urkraft. Vielleicht fühlst du dich gerade nicht danach, dich als machtvoll, stark und leuchtend wahrzunehmen - das ändert jedoch nichts daran das diese Energie in dir präsent ist.

Und vielleicht ist es das was wir unter einer leuchtenden Vollmondin stärker als sonst wahrnehmen dürfen: Ermächtigung ist wie der silbrig leuchtende Mondschein; ein sanfter und zugleich unendlich kraftvoller Strom, der das Leben selbst repräsentiert. Fließend, unaufhaltsam. Es ist nur die Frage ob wir diesen fließenden Strom bewusst wahrnehmen und ihm seinen Raum zugestehen möchten.

Vollmondnacht in der Wüste


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weibliche urkraft in der wüste